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12. April 2017
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Neustettin

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Noch eine Reise nach Pommern.


Reisezeit: vom 8. bis 15. August 1996
von Dr. Siegfried Raddatz.

Viele von uns, die an der alten Heimat hängen, waren in den letzten Jahren 'zu Hause', und unser Pommernbild setzt sich zusammen aus Erinnertem, Erzähltem und Neu-Erlebtem. Ich bin ca. neun Stunden vor dem 2. Weltkrieg in Neustettin geboren, und zu meiner sechsten Reise in den Kreis Neustettin bat ich eine ehemalige Nachbarin aus Trocken Glienke, Frau Irmgard Lambertz, geb. Stegmann, mich zu begleiten. Ich wollte mir einmal alles erklären lassen von jemand, der die beiden Glienke, Lottin, Steinburg, Vangerow und Umgebung noch von früher kennt.
 
Frau Ursel Solka (eigentlich aus Vangerow), eine der beiden deutschen Frauen, die heute noch in Ratzebuhr leben, bot uns freundlicherweise an, bei ihr wohnen zu dürfen, und sie begleitete uns auch auf unseren Streifzügen, nicht zuletzt, damit wir uns ihrer ausgezeichneten polnischen Sprachkenntnisse bedienen konnten.
Natürlich ist man immer wieder sehr gespannt und erregt, wenn man sich der alten Heimat nähert, wenn man an einem satten Sommertag den klassischen blauen Sommerhimmel mit großen Wattewolken sieht, wenn Störche vorsichtig erntende Bauern umstaken, wenn Kinder am Wegrand Blaubeeren und Pilze entgegenstrecken und wenn man die ersten Gehöfte erkennt. Ursel empfing uns sehr herzlich, und schnell waren wir beim Schlottern; wie es ist, wie es war, was sein wird.
 
Einer der ersten Ausflüge führte uns zu Frau Elsbeth Lubenow (77), der anderen noch in Ratzebuhr lebenden Deutschen. Ihr Gehöft liegt ganz alleine jenseits des Ratzebuhrer Bahnhofs, umstanden von einigen Bäumen, inmitten von hohen, wogenden Roggenfeldern. Nachdem Hündchen Puschig uns bellend gemeldet hatte, erschien Frau Lubenow in der Haustür, eine sehr stattliche Erscheinung, umgeben von Puschig und einem weiteren Hund und einer Katze, alle in Eintracht. Aufmerksam beobachteten die Tiere unsere ebenfalls sehr herzliche Begrüßung. Auf dem Hof von Frau Lubenow gibt es weder elektrisches Licht, noch fließendes Wasser, dafür aber einen guten, tiefen Brunnen. Alles ist in einem archaischen Zustand, und man verspürt den Wunsch, mit dem allen, mit der Natur ganz eins zu werden. Wir wurden ins Haus gebeten. Wie geht's, wie steht's, wer war zu Besuch, wer wird noch kommen?
 
Irmchen betrachtete alles sorgfältig, und ihre Augen blieben an einigen alten Möbelstücken hängen, besonders an einem großen Wandschrank. Es wurde manches Kompliment gemacht, und dann erzählte Frau Lubenow die folgende Geschichte:
 
Zu Frau Lubenow kam vor einigen Jahren eine gut gekleidete Dame mittleren Alters. Sie hätte erfahren, dass hier im Haus noch einige echte Möbelstücke aus dem 18. und 19. Jahrhundert aufgehoben würden, erklärte sie. Besonders hatte sie es bald auf den alten, großen Schrank abgesehen. Sie war hin und weg und schien ganz versessen darauf und offensichtlich auch sicher, diesen Schrank erwerben zu können.
"Er gefällt mir ganz außerordentlich gut, und er wird sehr gut in meine Wohnung passen".
"Ja, das kann ich gut verstehen. Mir gefällt er auch sehr gut, und er dient mir schon seit meinen Mädchenjahren zur Aufbewahrung meiner Wäsche".
"Wenn Sie ihn mir überließen, könnten Sie sich doch von dem Geld einen neuen Schrank kaufen".
"Einen neuen Schrank können Sie sich doch auch kaufen, und ich will doch gar nicht verkaufen".
"Ich bezahle Ihnen den Schrank auch sehr gut. Sie werden sich nicht nur einen neuen Schrank kaufen können, sondern auch noch einen ordentlichen Betrag übrig behalten."
"Ach, wissen Sie, was soll ich mit dem Geld?! Der Schrank gefällt mir. Ich hänge an ihm und an all den anderen alten Teilen, und mir mangelt es an nichts."
"Aber lassen Sie ihn mir doch bitte! Wenn Sie sterben, können Sie ihn ja doch nicht mitnehmen."
"Jaaa - wissen Sie, für diesen Fall habe ich vorgesorgt. In meinem Testament habe ich bestimmt, mich in diesem Schrank zu beerdigen!"
Eine kleine Pause entstand - und der Frau sei der Mund offen geblieben. Sie habe verblüfft und ungläubig geschaut, sich wortlos umgedreht und hastig das Haus verlassen. Sie konnte die verschmitzten Augen und das breite und zufriedene Lächeln von Frau Lubenow nicht mehr sehen.
 
Wir lachten und prusteten umso mehr und begossen diesen gewitzten Schabernack mit einem großen Wodka.
 
Hauptziel unserer Reise war Trocken Glienke. Es ist ein Rundling, war ein Wehrdorf, es lag zwischen Dörfern mit Gütern. Die Äcker der Bauern waren jeweils hinter den Gehöften und hatten bis zur Vertreibung ungefähr die gleiche Größe von ca. 25 - 30 Hektar. Rund durch das Dorf führte eine Straße mit Kopfsteinpflaster, und in der Mitte gab es - wie noch wenige alte Photos belegen - einen Teich mit Enten und Gänsen, Koppeln und Gemüsegärten. Den Bauern ging es ganz gut.
 
Heute hat das Dorf ein anderes Gesicht. Es fallen im Rund ein paar Lücken auf. Einige Häuser und Stallungen wurden durch Beschuss zerstört und verfielen nach und nach. Der Teich ist zu einem Wasserloch (ohne Federvieh) geschrumpft. Die Dorfmitte bildet ein öder, ungepflegter Platz.
 
Zuerst geht es zu Stegmanns Hof. Seit ca. sechs Jahren wird er von dem Ehepaar Myslinski hervorragend bewirtschaftet. Das stattliche Backsteinhaus - es war erst im Krieg fertig geworden - ist mittlerweile verputzt, aus Fenstern und Gärten leuchten bunte Sommerblumen. Im Hof steht ein Mähdrescher, auf dem der Hausherr (ca. 45) arbeitet. Als er uns sieht, springt er herab, begrüßt uns freundlich, ruft nach seiner Frau, und beide geleiten uns in die große (auch ehemalige) Wohnstube. Bei Herbata (Tee) und selbstgebackenem, frischen Kuchen sind wir nach einer kurzen Weile dank Ursel im lockeren Gespräch. Dann bittet Irmchen darum, mit mir zu 'ihrem' kleinen Wald gehen zu dürfen, hat sie doch als Kind so oft beim Kühe hüten am Waldrand gelagert oder vielleicht auch im Gras gelegen, geträumt und bei den segelnden Wolken Fernweh bekommen - nicht ahnend, dass Krieg und Vertreibung sie einst 800 km weiter nach Westen bringen würden.
 
Wir trotten den alten Feldweg entlang, zwischen sehr gut stehender Gerste und Roggen, bis uns ein Erbsenfeld(Peluschken) Einhalt gebietet; der alte Weg ist umgepflügt und bestellt. Auf einem Umweg gelangen wir schließlich ans Ziel. Im kleinen, verwunschen scheinenden Hag stöbern wir sogar zwei Jungrehe auf. Es gibt kaum ein Durchkommen. Die früheren Fichten (Stähmas Fichte) gibt es nicht mehr; sie landeten wahrscheinlich nach und nach als Weihnachtsbaum in mancher guten Stube. Ihren Platz haben hauptsächlich Birken eingenommen, auch einige Quizzeln (Ebereschen). Wir machen uns am Rand lang und lassen den leichten Wind, das gelinde Rauschen der Bäume, den würzigen Duft und den hohen Himmel schweigend auf uns einwirken. Angekommen!
 
Ursel hat derweil auf dem Raddatzhof auf uns gewartet. Hier ist alles noch einen Gran herzlicher und selbstverständlicher, mein Besuch wird freudig erwartet. Seit 1969 (damals war ich als DAAD-Student bei der Kosmetikfirma Lechia in Posen als Praktikant gewesen und hatte von dort aus das erste Mal nach Kriegsende Trocken Glienke besucht) pflege ich mit Familie Fin einen guten Kontakt. Sie sind von jenseits des Bugs gekommen. Und obgleich ich 1971 nicht Herrn Fins (heute 81) Angebot wahrgenommen habe: "Willst Du heiraten Maria, kannst Du haben Hof", fühle ich mich doch so, als wenn ich zu lieben Verwandten, als wenn ich nach Hause käme.
 
Hier steht nicht mehr Vergangenes, sondern Aktuelles im Mittelpunkt der Gespräche. Frau Fin ist krank, ihr geht es gar nicht gut. Herr Fin klagt über Hüftbeschwerden. Sohn Tadek und Schwiegersohn Adam bereiten mit dem Enkel Krysztof den Mähdrescher für die Ernte vor. Das Korn steht gut, und in den letzten Tagen war es trocken und warm. Am Sonntag muss gemäht werden, denn im Hauptberuf arbeitet Pan Adam als Chef der Städtischen Busse in Neustettin, und Sohn Krysztof studiert in Köslin Marketing. Die Enkelin hat gerade in Neustettin ihr Abitur gemacht (ihre Deutschlehrerin war Ursels Nichte), sie wird auch bald zum Studium den Hof verlassen. Und so bleibt der kleine Mirek mit seinen 13 Jahren als Hoffnungsträger des alten Herrn Fin übrig. Wird er einst den Hof weiterführen? Fragen, wie sie auch bei uns im Westen gestellt werden könnten. Tochter Maria als vorbildliche Hausfrau bietet immer wieder etwas zu essen und zu trinken an, reicht Wurst und gebratene Ente, Brot, Butter, Gurken, Zwiebeln, bereitet neuen Herbata. Nicht erst nach einigen (obligatorischen) Wodkas ist einem ganz warm ums Herz.
 
Mit herzlichen Umarmungen, allen guten Wünschen für die Zukunft und der Versicherung, am 12. Mai 1997 wiederzukommen, verabschieden wir uns. Dann wohnt die Familie Fin 50 Jahre auf dem Raddatzhof, und das sind dann wohl auch schon historische Dimensionen !
 
Auf dem Weg nach Ratzebuhr machen wir am Brockenzinsee Station. Der Tag geht zur Neige. Nach und nach werden wir still, sehen wie das Wasser aufleuchtet, der Himmel sich immer intensiver verfärbt, die Leuchtkraft der Sonne nach lässt, Büsche und Bäume zum Scherenschnitt werden, Wasservögel vorbeihuschen. Wir sind glücklich - und auch wehmütig und nachdenklich.
 

                                                   Siegfried Raddatz